Der Tagesspiegel, Berlin 12.09.2001


Musikalische Trauerfeier

Verdi-Requiem bei DaimlerChrysler

Es sollte ein festlicher Konzertabend sein - es wurde eine Totenmesse. DaimlerChrysler hatte zum zweiten Mal den Dirigenten Helmuth Rilling eingeladen, im Atrium des Firmensitzes am Potsdamer Platz klassische Musik zu präsentieren. Vor vier Jahren, am 9. Mai 1997 bei Haydns "Schöpfung", durchwehte ein eiskalter Wind den halbfertigen Renzo-Piano-Bau und ließ Besucher wie Künstler erzittern. Diesmal stand die Welt fassungslos vor einem entsetzlichen Verbrechen - doch kaum einer der geladenen Gäste wollte auf das Ereignis beim deutsch-amerikanischen Großkonzern verzichten. Dass Giuseppe Verdis "Requiem" auf dem Programm stand, bewog die Veranstalter - im Gegensatz zu den großen Berliner Kulturinstitutionen - das Konzert nicht abzusagen. Finanzvorstand Manfred Genz erklärte: "Die Welt gerät durcheinander - und genau das wollen die Terroristen. Wir sollten das nicht zulassen." Er bat die Zuhörer aber, am Schluss nicht zu applaudieren.

Helmuth Rilling betonte, dass es sich bei Chor und Orchester um ein internationales Projekt handele: In einer vierwöchigen Probenphase hätten junge Künstler aus aller Welt mit Hilfe der Musik Sprach- und Denkgrenzen überwunden. "Heute nicht zu spielen, hieße das Prinzip der Versöhnung aufzugeben." Er dankte vor allem den 20 amerikanischen Musikern in den Ensembles für ihre Teilnahme an diesem Requiem, das durch die Ereignisse vom autonomen Meisterwerk zur realen Trauerfeier wurde. Die Aufführung war zweifellos von höchstem künstlerischen Niveau - und doch: Wenn das Leben der Kunst ans Herz greift, ist das schwer zu ertragen.

 

F. H.
 
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