Südwestpresse 06.09.2001


Jeden Tag sein Bestes geben

Europäisches Musikfest / Eigenes Festival-Ensemble gebildet. 200 junge Musiker beim Projekt der Bachakademie in Stuttgart

Aus der ganzen Welt kommen sie, die 200 Mitglieder des von Helmuth Rilling neu gegründeten Festival-Ensembles. Sie haben nur eines im Sinn, auf allerhöchstem Niveau gemeinsam Musik zu machen. Dass sie das locker packen, haben sie beim Europäischen Musikfest in Stuttgart eindrucksvoll bewiesen.

"Das Beste mit weitem Abstand'', begeistert sich, auf dem Weg zur Probe in den Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle, ihre Oboe unterm Arm, Almut Kallenberg, die aus Stuttgart stammt, aber in Köln studiert. Und sie muss es wissen, hat sie sich doch in den vergangenen Jahren schon häufig an ähnlichen Projekten beteiligt. Hier beim Festival-Ensemble des 10. Europäischen Musikfests in Stuttgart ist aber offensichtlich vieles ganz anders: "Alles ist super-perfekt organisiert, ganz toll sind die Dozenten. Das ist sehr spannend, weil man keinen wochenlangen Vorlauf hat, sondern spontan und in kürzester Zeit etwas umsetzen kann. Das heißt, man muss jeden Tag sein Bestes geben, und das kitzelt einen so richtig heraus.''

Solch überschwängliches Lob dürfte natürlich Helmuth Rilling freuen, der sich zusammen mit der Führungsspitze seiner Internationalen Bachakademie dieses neuartige Projekt ausgedacht hat, das - so etwas gab es bislang noch nicht - für Sänger und Instrumentalisten gemeinsam (Festival Choir & Orchestra!) ausgeschrieben war. Um den Nachwuchs auch wirklich im entlegensten Winkel der Welt zu erreichen, lief zum ersten Mal viel über's Internet. Schließlich lagen in Stuttgart gut 1000 Anmeldungen auf den Schreibtischen. Mitarbeiter und Dozenten der Bachakademie reisten danach etwa drei Monate lang rund um den Globus und nahmen jeden der Bewerber einzeln kritisch unter die Lupe. Ausgewählt wurden 200 Instrumentalisten und Sänger aus insgesamt 25 Ländern. "Nur durch ein so aufwendiges Verfahren kann'', betont Rilling im Gespräch, "die Qualität, die wir erwarten,
gesichert werden.''

Familiäre Atmosphäre

Und die war offensichtlich, da gerät der Maestro ins Schwärmen, noch weitaus höher, als er es erwartet hatte. Das zeigte sich schon bei der zweiwöchigen Arbeits- und Vorbereitungsphase im "Salem International College'' am Bodensee. Dort, in einer ausgesprochen "familiären Atmosphäre'' (Rilling) wurden die jungen Musiker intensiv, mindestens acht Stunden am Tag, auf die Konzerte beim Musikfest und die nachfolgenden im Kloster Eberbach, in der Bonner Beethovenhalle und im Atrium am Postdamer Platz in Berlin vorbereitet. Dafür standen nicht nur 25 Dozenten für die einzelnen Instrumente des Orchesters, sondern auch sechs Stimmbildner für die Choristen (Leitung Maria Guinand aus Caracas) bereit.

Erreichen will Rilling mit diesem spektakulären Projekt ("wir haben schon immer versucht, die Arbeit mit dem Nachwuchs in den Vordergrund zu stellen''), dass junge Leute nicht nur miteinander musizieren, sondern dass sie auch etwas lernen, dass sie "Grenzen überwinden und Brücken zwischen den Menschen bauen''. Das lässt sich die Bachakademie auch etwas kosten. Zwar erhielt keiner der Teilnehmer Honorar für seine Mitwirkung bei der "Messa per Rossini'' am vergangenen oder beim Verdi-Requiem am kommenden Wochenende, aber jedem werden die Kosten für Flug, Fahrt, Unterkunft und Verpflegung ersetzt. Die Ausschreibung für das Musikfest 2002 läuft bereits ab 1. Oktober, natürlich wieder weltweit via Internet unter der Adresse www.festivalensemble.org, die die blau-weißen Umhängetaschen, die jeder Teilnehmer erhalten hat, ziert. Sie sind im Stadtbild von
Stuttgart in diesen Tagen kaum zu übersehen.

 

Hanns-Horst Bauer
 
top