Stuttgarter Zeitung 11.09.2001


Erkenntnis durch Kontraste

Ein Rückblick auf das Europäische Musikfest Stuttgart 2001

... sehen wir betroffen, die Instrumentenkoffer zu und alle Fragen offen? Nicht ganz. Am Ende des Europäischen Musikfestes in Stuttgart gibt es zwar die Gewissheit, dass alles in Bewegung ist und nichts bleibt, wie es ist. Den Publikumszuspruch des letzten Jahres konnte man nicht toppen. Wie auch? Vier Uraufführungen standen nicht auf dem diesjährigen Programm; und Verdi, Rossini und Freunde sind hier bekannt.

Aber immerhin: 37228 Besucher in zwei Wochen (statt der erwarteten 42000) kamen in alter und vielleicht in neuer Treue zum Musikfest und zur ehemaligen Sommerakademie. Das ist schön, und man wünscht der Musik, die es hier in Stuttgart viel weniger schwer hat als in anderen Städten, sie möge weiterhin passionierte Liebhaber finden. Das heißt nicht, alles habe gefallen, was in diesen zwei Wochen zu hören war.

Helmuth Rillings pädagogischer Eros in allen Ehren, die guten Resultate der Festivalensembles Chor und Orchester wohl vernommen: recht zündend gestaltet der Meister seine Gesprächskonzerte nicht, eine vergleichende Hörprobe wäre womöglich ganz erfrischend gewesen; Verdis Requiem neben einem Stück "Aida'' vielleicht hätte Bülows Kommentar "Oper im Kirchengewande'' bestätigen, entkräften oder differenzieren können. Und ein Blick in die Werkstatt des Dirigenten, dem Probieren, Korrigieren, Experimentieren lauscht das Publikum gerne. Vieles machten die Entdeckungen wett: von hoch begabten Sängern wie Measha Brüggergosman, dem Tenortemperament Felipe Rojas Velozo, von einem jungen Dirigenten, Jörg Hinnerk Andersen, und dass ein Klavierabend mit Evgeni Koroliov mit dem anschließenden Besuch des kommunalen Kinos zusammengeht - Fellinis "Roma'' nach Frescobaldi und Scarlatti: da offenbarte sich blitzhaft eine Mentalität. Mehr davon tut gut.

 

Götz Thieme
 
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