Stuttgarter Zeitung 11.09.2001


Fülle des Wohlklangs

Glanzvolles Finale mit Giuseppe Verdis Requiem

Das muss man erst mal hinkriegen: dass das Publikum nach den letzten Takten des "Libera me'' für eine halbe Minute still sitzen bleibt und nicht, wie erst kürzlich bei Mahlers Achter in Ludwigsburg, einen Wettbewerb draus macht, wer nach dem Schlussakkord als Erster klatscht. Helmuth Rilling schaffte das, und das mag auch daran liegen, dass es sein Publikum war, das sich da zum Abschlusskonzert des diesjährigen Musikfestes im Beethovensaal ziemlich vollständig versammelt hatte. Ein Publikum, das sich Rilling in vielen Jahren mit Gesprächskonzerten und Einführungen herangezogen hat und das offenbar um die Kostbarkeit dieser Momente nach dem Verklingen des letzten Tons weiß. Darauf kann er jetzt bauen.

Es war aber auch keine gewöhnliche Aufführung des Requiems. Mag man sich anfangs darüber gewundert haben, dass Rilling seine bewährten Ensembles, speziell die Gächinger Kantorei, hier kurzerhand durch ein projektbezogenes Festivalorchester samt -chor ersetzt hatte, so gab ihm das Ergebnis Recht: Was Stimmqualität und Homogenität anbelangt, übertraf dieser aus allen Erdteilen zusammengesetzte junge Chor die Gächinger Kantorei bei weitem, und auch das Orchester war so durchgängig hochklassig besetzt, dass manches Profiorchester dagegen ziemlich alt aussehen würde. Zudem wurden die jungen Musiker während ihrer Probenphase in Salem am Bodensee offensichtlich bestens präpariert, sodass sich Rilling eigentlich nur noch darum kümmern musste, die Mitwirkenden auf ein gemeinsames Ziel auszurichten.

Das gelang über weite Strecken imponierend. Sehr spannungsvoll gleich der Beginn des Introitus mit der beschwörend geflüsterten "Requiem''-Anrufung des Chors. Die gewiss nicht einfachen Streicherfigurationen in der Dies-irae-Eruption waren wie aus einem Guss, allerdings sprengte die schiere, von Rilling hier forcierte Klangmasse auch die Grenzen des nicht eben kleinen Beethovensaals. Ein wenig Zurückhaltung bei den Vokal- und Streicheranteilen zu Gunsten der Bläser wäre hier schöner gewesen. Die Eindringlichkeit, mit der dieses Requiem zum Hörer sprach, beruhte vor allem darauf, dass Rilling den Chor, vor allem aber auch die Solisten auf eine extreme Textausdeutung eingeschworen hat. Man erlebt es nur allzu oft, dass Solisten ihren Part exerzieren, ohne auf die Worte groß Rücksicht zu nehmen.

Das war hier völlig anders. Die Sänger machten die Szenen und Bilder auf eine ausgesprochen plastische Weise deutlich. Der flehentliche "Salva-me''-Ausruf erlangte erst im Kontext der zu befürchtenden "Mors-stupebit''-Schrecken seine herzergreifende Dringlichkeit, zum Weinen schön das Duett von Bass und Alt zu Beginn des Lacrymosa. Birgit Remmert (Alt) und Michail Schelomianski (Bass) waren aber ohnehin die herausragenden Sänger innerhalb des insgesamt glänzenden Solistenquartetts. Remmert verfügt über ein durchgängig glutvolles Timbre über den ganzen Ambitus, mit freier, perfekt sitzender Höhe und weicher, klangvoller Tiefe. Schelomianski ist ein sonorer, kernig-schwarzer Bass, beweglich und mit herrlicher Obertonrundung.

Über die für die erkrankte Karine Babajanyan eingesprungene Measha Brüggergosman wurde im Laufe der Festivalwoche schon viel geschrieben, ihr Stimmvolumen ist enorm, ihre Präsenz auch, ihre tonale Kontrolle (noch) nicht immer. Sie hatte ihre stärksten Momente im "Libera me'', wo sie es wagte, Spitzentöne ohne Vibrato anzusingen und erst allmählich den Ton zu modulieren. Das klappte intonatorisch meistens, und wenn es geklappt hat, war der Effekt überwältigend. Stephen O'Maras Tenor ist im Forte hinreißend, hier kann er weit ausschwingende Bögen singen, nur in der Mezzavoce gerät die Stimme in Gefahr, an Farbe zu verlieren.

Doch das sind Kleinigkeiten angesichts der Fülle von schönen Momenten, mit denen diese Aufführung noch aufwarten konnte: Die Präsenz der heiklen chromatischen Durchgänge im Sanctus, das sich in höhere Sphären verflüchtigende Streichertremolo am Ende des Offertoriums. Allenfalls das Agnus Dei ließ Wünsche offen: Im Tempo vielleicht etwas zu behende, blieben die Chor- und Solistenteile atmosphärisch schlecht verbunden, mehr hintereinander als wirklich in Beziehung gesetzt. Dafür war der Schluss wieder umso schöner ausgearbeitet. Nur ein Rohling könnte da unverzüglich fröhlich-frei drauflosklatschen. Und wer will schon ein solcher sein?

 

Frank Armbruster
 
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