Stuttgarter Zeitung 08.09.2001


Zurück in die Zukunft mit Beethoven

Zum Abschluss des Europäischen Musikfestes blickt man schon auf das nächste im Jahr 2002

Wer es bisher noch nicht wusste, dem sei es nun gesagt: 2002 ist Beethoven-Jahr. Nicht in der übrigen Musikwelt, aber beim Europäischen Musikfest. Die Internationale Bachakademie Stuttgart nimmt die krumme Jahreszahl des 175. Todestages Ludwig van Beethovens zum Anlass, vom 25. August bis zum 8. September 2002 das Werk des Wiener Klassikers ins Zentrum des Musikfestes zu stellen. Andreas Keller, der Intendant der Bachakademie, gesteht die Willkür des Datums ein, aber es komme ohnehin auf die Inhalte an. Und die ruhen auf drei Säulen.

Eine bilden zwei vokale Werke, die Helmuth Rilling dirigieren und zuvor in Gesprächskonzerten vorstellen wird: die "Missa solemnis'' und Beethovens Oper "Fidelio''. Beide Aufführungen bestreitet das eigens zusammengestellte internationale Festivalensemble mit jungen Choristen und Orchestermusikern. Die andere Säule - und es ist zweifelsohne eine tragende - wird die Gesamtaufführung der neun Sinfonien Beethovens darstellen. Dabei wird es ein Novum geben: Der SWR, mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart unter seinem Chefdirigenten Sir Roger Norrington, wird die Aufführungen bestreiten, medial begleiten und somit erstmals einen zentralen Beitrag zum Musikfest leisten. Die Präsentation aller Sinfonien innerhalb zweier Wochen stellt für die Musikstadt Stuttgart überhaupt eine Neuheit dar. Norrington, der vor 15 Jahren mit seiner Gesamteinspielung der Sinfonien bei EMI die Rezeption dieser Werke grundlegend verändert hat, wird der Interpretation von Beethovens musikalischem Kosmos interessante Aspekte abgewinnen können - ihm schwebt eine Klangwelt von 1810 vor, produziert von einem modernen Radiosinfonieorchester, das vertraut ist mit den Errungenschaften eines historisch bewussten Musizierens.

Die dritte Säule bilden Aufführungen von Klavierwerken, Kammermusiken und Liedern Beethovens, wobei man die Zusammenarbeit mit dem Komponisten Wolfgang Rihm sucht. Er wird die Programme der Streichquartett-Reihe mitgestalten, die Beethovens Quartette seinen Werken für diese Gattung gegenüberstellt. Kompositionsaufträge wird es 2002 nicht geben. Das Eröffnungs- und das Abschlusskonzert werden jedes für sich der Programmatik entsprechen. Zu Beginn führt Rilling die Vorlage für Beethovens "Missa solemnis'' auf, Bachs h-Moll-Messe, am Schluss wird eines - welches, ist noch offen - der berüchtigt langen Akademiekonzerte, die Beethoven am Anfang des 19. Jahrhunderts in Wien veranstaltete, nachgespielt.

Einen Schwerpunkt der pädagogischen Arbeit im nächsten Jahr bilden neben den Instrumental- und Gesangsklassen die Kurse für junge Dirigenten. Erstmals wird Roger Norrington in größerem Rahmen die Orchesterleitung unterrichten. Eine Kunst, von der viele Große glauben, man könne sie nicht erlernen - also kann man sie eigentlich auch nicht lehren... Die Schüler werden sich aus dem Dirigentenforum des Deutschen Musikrates rekrutieren und aus der persönlichen Auswahl Norringtons. Helmuth Rilling wird ebenfalls Dirigierkurse anbieten - nach seiner Auffassung steht dem gewachsenen Bedarf der großen Orchester nur ein scheinbarer Nachwuchsmangel bei den Dirigenten gegenüber. Den Begabungen auf den Weg zu helfen, wie in diesem Jahr, sei ihm Anliegen. "Persönlich sehr bewegt'' haben ihn in diesem Jahr auch die Erfahrungen bei den Proben und Konzerten mit dem erstmals zusammengestellten Festivalensemble.

Zwar konzentriert man sich schon längst auf das nächste Jahr, doch für die Führung der Bachakademie gilt es, Schlüsse aus diesem Jahr zu ziehen. Offen sprach der Intendant Keller an, dass nach vorläufigen Berechnungen das Europäische Musikfest 2001 mit geringeren Zuschauerzahlen enden wird als erwartet: statt 46000 werden es 36000 sein, die Auslastung wird bei etwa 72 Prozent liegen. Zufrieden war Kelller, dass nach der enttäuschenden ersten Woche das Publikum doch noch zu den Gespächskonzerten und vor allem zur Liedreihe "...una canzone italiana...'' gefunden hat. Trotzdem wird man eventuell den Zeitpunkt des Musikfestes, Ende August, bedenken müssen. Eines ist und bleibt sicher: man wolle ein Festival aus der Region für die Region bleiben.

 

Götz Thieme
 
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