Stuttgarter Zeitung 08.09.2001


Die Königin vom hohen C

Eindrücke vom letzten Gesprächskonzert mit Verdis Requiem

Beim letzten Gesprächskonzert zum Verdi-Requiem im Beethovensaal konnte man es mit der Angst bekommen. Diese Angst hatte mit Measha Brüggergosman zu tun. Die kanadische Sopranistin ist gerade mal 24 Jahre alt. Bei allen drei Gesprächskonzerten sang sie die äußerst anspruchsvolle Sopranpartie jeweils mit voller Kraft, ohne die eigenen Ressourcen zu schonen. Beim "Libera me'', dem siebten und letzten Satz des Requiems, ist sie die einzige Solistin, der Verdi in allen Registern Enormes abverlangt, vom ängstlichen Stammeln in tiefer Lage bis zum emphatischen hohen C gegen Ende des Satzes.

Brüggergosman kam hier hörbar an ihre Grenzen. Die tiefe Lage klang an einigen Stellen kaum mehr kontrollierbar, auch wenn der Sprung ins hohe Register immer wieder wunderbar gelang. Die Lust, mit aller Begeisterung zu gestalten, war ihr in jedem Takt anzusehen und riss das Publikum am Schluss auch zu Begeisterungsstürmen und Ovationen hin. Kein Frage, dass Rilling ihr nach der Absage der Sopransolistin Karine Babajanyan beim Abschlusskonzert am Sonntag die Chance gibt, sich zu beweisen.

Rilling genoss die Emphase seiner Solistin sichtlich. Allerdings hätte ein transparenteres Musizieren, besonders im Forte, dazu beitragen können, die Tendenz zum Brüllen, der am Mittwoch bereits der Tenor Endrik Wottrich erlegen war, entscheidend zu zügeln. Das Orchester, speziell die oft heiklen Holzbläserpartien, wurde vom gut, aber teils sehr massiv singenden Chor immer wieder zugedeckt. Ein wesentlicher Teil der Kunst Verdis, die der Instrumentation, war so nicht recht hörbar. Positiv gegenüber den anderen Abenden war, dass Rilling beim Vergleich der ursprünglichen Fassung des "Libera me'' (in der Messa per Rossini) mit der Endversion das Orchester auch immer wieder allein einzelne Veränderungen zeigen ließ.

Eine Entdeckung unter den Stipendiaten des Dirigentenkurses war Georgios Nakis Vranos, der den Durchlauf des Satzes dirigierte. Der 32-jährige Vranos ist seit dieser Spielzeit stellvertretender Kapellmeister am Pforzheimer Stadttheater und er fiel, wie am Mittwoch Jörn Hinnerk Andresen, durch sehr emotionales, selbstbewusstes Dirigieren auf.

 

Stephan Turowski
 
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