Stuttgarter Zeitung 07.09.2001


Opernfeuer in der musikalischen Hölle

Verdis Messa da Requiem in den Gesprächskonzerten und die Entdeckung eines begabten Dirigenten

Das Jüngste Gericht dauert nur neun Takte. Dann unterbricht der Dirigent und Moderator der Gesprächskonzerte beim Musikfest, Helmuth Rilling, das Inferno, wendet sich vom Festivalensemble ab und dem Publikum zu. Eine erschreckte Heiterkeit geht durch die Reihen. Jeder im Beethovensaal versteht zu Beginn des zweiten Einführungsabends zu Verdis Totenmesse die Botschaft: "Dies Irae'', Viervierteltakt, Allegro agitato, Alarm, Endstufe. Mehr als zweihundert Instrumentalisten und Sänger auf der Bühne sind in großer Fortissimo-Aufregung.

Eine "Schreckenslandschaft'' sei das, was Verdi an den Anfang des zweiten Satzes seiner 1874 uraufgeführten Messe gestellt habe. Für Helmuth Rilling gehört die damit verbundene opernhafte Theatralik, speziell bei der Gerichtsdarstellung, zur Attraktion des Werkes, das harmonisch und motivisch überaus konsequent gebaut sei. Es orientiere sich an zwei durchgängigen Prinzipien: Dem Wechsel von Licht und Dunkel und dem formalen Ablauf der katholischen Messe. Rilling demonstrierte das am ersten Abend am Beginn des "Introitus''.

Sehr leise, absteigende Linien in den Streichern, die zögerlichen Sotto-voce-Bitten um ewige Ruhe im Chor, dunkles a-Moll. Plötzlich, nach einer aufsteigenden Figur in den Celli, scheint in den Violinen ein beinahe irreales Licht auf, im dreifachen Piano, dolcissimo zu spielen: A-Dur ist erreicht, der Chor flüstert, noch leiser als zuvor, vom ewigen Licht - "Et lux perpetua luceat eis.'' Im Dies Irae verteilte sich das Gerichtsgeschehen zusätzlich auf die Solisten.

Der Tenor Endrik Wottrich drehte bei seiner "Ingemisco''-Arie viel zu heroisch auf, um zerknirscht zu wirken. Bei den Spitzentönen war die Stimme reichlich überdehnt. Einen ähnlichen Eindruck hinterließ Measha Brüggergosmans Sopran, der in der hohen Lage scheinbar mehr Schonung brauchte, um die seelenvolle Mittellage nicht zu verlieren. Der Bassist Hernan Iturralde verbreitete bei seinem "Mors stupebit''-Solo leider keinerlei Furcht und Schrecken. Susan Platts beeindruckte mit ihrer intakten Altstimme am nachhaltigsten. Sehr schön ausgesungene Phrasen gab es etwa im klagenden "Lacrimosa''-Satz zu hören.

Wie bei den Gesprächskonzerten zur Messa per Rossini überließ Helmuth Rilling am Schluss den Stipendiaten des Dirigentenkurses den Durchlauf des gesamten Satzes. Das mehrteilige "Dies Irae'' etwa teilten sich der Münchner Christian Jeub und Jörn Hinnerk Andresen aus Zwickau. Andresen ist 29 Jahre alt und arbeitet als stellvertretender Kapellmeister und Chorleiter am Zwickauer Theater. Bereits bei den Rossini-Gesprächskonzerten war er am Pult gestanden und aufgefallen durch ein sehr umsichtiges, leidenschaftliches Dirigieren. In der Mitte des "Dies Irae'' von Verdi übernahm er die Leitung des Ensembles von dem 31-jährigen Jeub, der als Chorassistent am Münchner Gärtnerplatztheater arbeitet, und entfaltete bei der Reprise der gewaltigen Anfangssequenz einiges mehr an Feuer, als es Rilling zu Beginn gelungen war.

 

Stephan Turowski
 
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