Stuttgarter Zeitung 03.09.2001


Spaßmusik aus der Kneipe in einer Totenmesse

In drei Gesprächskonzerten analysiert und interpretiert Helmuth Rilling das Requiem von dreizehn Komponisten für Rossini

"Schöne Musik, nicht wahr?'' Helmuth Rilling hat die Musik, die er dirigiert und erläutert, eindeutig lieb gewonnen. War sein Tonfall zu Beginn des ersten Gesprächskonzertes noch skeptisch, manchmal auch spöttisch, so findet er im Verlauf der drei Abende immer mehr Lob. In seiner ureigenen Präsentationsform, den Gesprächskonzerten, bringt Rilling seinen Zuhörern die Messa per Rossini näher. Eine spannende Aufgabe, denn neben dem Initiator dieser Vertonung des Requiems, Giuseppe Verdi, waren zwölf heute längst vergessene Komponisten beteiligt, die als Kapellmeister und Opernkomponisten in ganz Italien tätig waren.

"Das ist eine Szene wie im Hinterhof eines Gasthofs. Musik, Musik, Spaß, Spaß!'' Bei Gaetano Gasparis Offertorium gibt Rilling dem Publikum eine harte Nuss zu knacken: "Das macht Spaß, gell, oder sind Sie immer noch am Grübeln, ob das bei dem Text sein darf?'' Verständlich, dass das typische Rilling-Gesprächskonzert-Publikum seine Schwierigkeiten mit dieser Musik hat.

Aufgewachsen mit der streng pietistisch geprägten Musikwelt Bachs, die eher auf Kontemplation und Askese setzt, begegnen die Zuhörer hier ganz anderen Welten. Die Musik ist - obwohl Requiem - lebensbejahend, temperamentvoll, schmissig und könnte mit weltlichem Text durchaus in einer Oper des 19. Jahrhunderts zu finden sein. Da klingt der majestätische Sanctus-Beginn des Sizilianers Pietro Platania "wie die Glocken des Doms von Palermo'', getreu Rillings Motto "laut ist auch schön!''.

Wie man dies bei Helmuth Rilling seit vielen Jahren kennt, nimmt er die Musik auseinander, lenkt die Aufmerksamkeit auf die besonderen Stellen, erläutert den Zuhörern Themen, Übergänge, Wendungen. Und er klassifiziert und bewertet die Musik, vergleicht sie miteinander, misst sie vor allem am Schlusssatz, dem Libera me, das Giuseppe Verdi komponierte, und das dieser auch in seinem späteren, eigenen Requiem wieder verwendete.

Dabei bewahrt sich der künstlerische Leiter der Bachakademie einen charmanten Plauderton. In klarer, präziser, aber doch für alle verständlicher Weise erläutert er das Werk. Bewundernswert ist dabei seine gedankliche Leistung, denn er dirigiert, probt und erläutert auswendig, ohne je ins Stocken zu kommen, und das Ganze auch noch zweisprachig, in Deutsch und Englisch, damit auch seine Musiker auf der Bühne etwas davon haben. Denn da sitzt das neu gegründete Festivalensemble, das mit der Gesamtaufführung dann am Wochenende seine erste große Bewährungsprobe zu absolvieren hat. Nachdem Rilling das Werk auseinander genommen hat, lässt er es wieder zusammensetzen, zieht sich dabei zurück auf einen Platz weit hinten im Orchester und überlässt das Podium seinen acht Dirigierschülern, den Stipendiaten des Musikfestes.

Manche Entdeckung lässt sich auf dem Podium machen. Hier müssen in erster Linie drei der Gesangssolisten genannt werden, denen man für die Zukunft große konzertante Auftritte wünschen kann. Der chilenische Tenor Felipe Rojas Velozo singt sich mit seinen strahlenden hohen Tönen und seiner unverkennbaren Italianità im Ingemisco in die Herzen der Zuhörer. Eine große, umfangreiche und vielseitig modulierbare Stimme offenbart die deutsche Mezzosopranistin Barbara Osterloh. Unbestrittener Publikumsliebling aber ist die 24-jährige kanadische Sopranistin Measha Brüggergosman. Hier wächst eine Verdi-Sängerin von großem Format heran, die bereits über Präsenz auf dem Podium und eine technisch gut geführte, große Stimme verfügt.

 

Markus Dippold
 
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