Stuttgarter Zeitung 03.09.2001


Opernschwulst

Eine lebendige Aufführung in der Liederhalle

1869 hatten dreizehn Komponisten gemeinsam eine Totenmesse zum Gedenken an Gioacchino Rossini vorgelegt - uraufgeführt wurde die gesamte Messa per Rossini erstmals 1988 von Helmuth Rilling. Bei der Aufführung beim diesjährigen Musikfest im Beethovensaal zeigte sich, dass es eine gute Idee gewesen war, die einzelnen Teile in drei vorangegangenen Gesprächskonzerten ausführlich vorzustellen: In den Ohren hatten sich eine Menge Details und die Erläuterungen Helmuth Rillings festgesetzt, was als Orientierung in dem zweistündigen, teils ausufernden Werk hilfreich war.

Im Vergleich mit seiner dreizehn Jahre alten CD-Einspielung klang vieles, was Rilling dem Festivalensemble und den Solisten abverlangte, wesentlich schärfer und lebendiger, besonders in den dramatischen Sätzen wie dem Dies Irae von Antonio Bazzini und dem Confutatis von Raimondo Boucheron, in dem Michail Schelomianski sein Bass-Solo geradlinig und klar gestaltete. Die eher lyrisch-opernhaften Abschnitte Quid sum miser und Recordare Jesu wirkten solcher Dramatik gegenüber etwas schläfrig oder mit zu wenig Schwung musiziert - abgesehen von dem liedhaft anrührenden Agnus Dei von Lauro Rossi. Schade, dass die Solistenbesetzung der Einführungsabende nicht beibehalten wurde - besonders der chilenische Tenor Felipe Rojas Velozo hatte dort das Publikum durch seine Leidenschaft im Ingemisco-Abschnitt von Alessandro Nini begeistert.

An gefalteten und ausgebreiteten Händen und anderer Intensivgestik ließ es James Wagner zwar nicht fehlen, und stimmlich konnte er bis auf ein paar verwackelte Piani für sich einnehmen, aber was bei Velozo wirklich Darstellung des reuigen Sünders mit glänzenden stimmlichen Mitteln gewesen war, geriet Wagner teils zu narzisstischem Opernschwulst. In dem von Verdi komponierten Schlussabschnitt Libera me sang die Sopranistin Karine Babajanyan besonders gegen Ende des Satzes wunderbar innig, konnte aber die Angst vor dem Morte aeterna nicht so vermitteln, wie es Measha Brüggergosman im dritten Gesprächskonzert gelungen war. Gut gelang dem Festival-chor die Darstellung der Brüche in den einzelnen Sätzen wie dem Lacrimosa von Carlo Coccia mit dem Wechsel von fröhlicher Gesangvereins-Stimmung zur dunkel getönten Amen-Fuge.

 

Stephan Turowski
 
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