Stuttgarter Zeitung 27.08.2001


Verdi unterm Obstbaum

Das Festivalensemble des Europäischen Musikfestes probt

Schon von weitem hört man die Klänge eines Chors, der ein Recordare probt. Eine alte Scheune, einst als Turnhalle genutzt, mit Weinreben bewachsen, dient als Probenort für über achtzig junge Sänger. Im idyllisch gelegenen Salem International College, unweit des Bodenseeufers, war in den letzten zwei Wochen die Internationale Bachakademie Stuttgart zu Gast. Das von Helmuth Rilling in diesem Jahr gegründete Ensemble Festival-Chor und -Orchester des Europäischen Musikfestes Stuttgart lebte und arbeitete inmitten grüner Wiesen, unter Obstbäumen, in alten Scheunen und neuen College-Gebäuden. Die Venezolanerin Maria Guinand leitete in dieser zweiwöchigen Probenphase den Festival-Chor. Ihre Hauptaufgabe dabei war, die Musiker zu einem homogenen Klangkörper zu formen, obwohl "die alle einen ganz unterschiedlichen Hintergrund haben'', wie die Dirigentin sagt. Von einer großen Herausforderung an den Chor wegen des Schwierigkeitsgrades der aufgeführten Werke spricht sie und ist "very happy'' über das bereits erreichte Niveau.

Immer wieder strafft sich der Körper der zierlichen kleinen Frau mit den weißen Haaren. Sie unterbricht den Chor, korrigiert unermüdlich, ahmt Falsches nach, schlägt richtige Töne am Klavier an und ermahnt - "Vorsicht, Sopran, nicht zu tief werden''. Ihre Gestik und Körperspannung vermitteln unablässig dem Chor die Stimmung der Werke. Selbst kleinste Nuancen, die von ihrer Klangvorstellung abweichen, nimmt sie wahr, der Zeigefinger wandert zur Decke, um klarzumachen, dass die Intonation gefährdet ist: "It's very dangerous here'', ruft sie dazwischen und singt die Stelle selbst vor, um technische Hilfen zu geben. Neben den beiden Hauptwerken, dem Verdi-Requiem und der Messa per Rossini, wurde anspruchsvolle A-cappella-Chormusik einstudiert, die am heutigen Montag zu hören sein wird.

Für Bernhard Bueb, den Leiter des Salem International College, ist es eine Selbstverständlichkeit, die fast 200 jungen Musiker in seiner Schule zu beherbergen: "Wir füllen die Schule in den Ferien gerne mit Personen, die für sich selbst Verantwortung übernehmen.'' Vertreter von College und Bachakademie planen, diese Zusammenarbeit auch in den nächsten Jahren fortzusetzen.

Erstmals wird das Europäische Musikfest ohne Rillings Hausensembles, die Gächinger Kantorei und das Bach-Collegium, stattfinden. Stattdessen gingen die Mitarbeiter der Bachakademie auf weltweite Suche nach jungen Nachwuchsmusikern: "Man will ja jung bleiben'', so Rilling. Über 1000 Anmeldungen wurden verzeichnet, aus denen nach Vorspielen und Vorsingen rund um den Globus über achtzig Sänger und gut 110 Instrumentalisten im Alter zwischen 18 und 28 Jahren aus zwei Dutzend Ländern ausgewählt wurden. Arien, Lieder und Chorstellen waren vorzutragen, beschreibt der 26-jährige kanadische Bariton Kevin Gagnon das Auswahlprozedere. Neben den Chorproben erhalten am Bodensee alle Sänger jeden zweiten Tag die Gelegenheit, bei sechs erfahrenen Stimmbildnern dreißig Minuten Einzelunterricht zu erhalten, in denen je nach Bedarf an Chorstellen, Aussprache oder am Solorepertoire gearbeitet wird.

Gegen elf Uhr füllt sich täglich der hier in Salem so genannte Esssaal. Für manche wie den Fagottisten Jan aus Stuttgart ist ein spätes Frühstück fällig. Andere müssen sich nach der ersten Probe ein zweites Mal stärken. In der langen Mittagspause können sich alle von den anstrengenden Proben erholen. "Marie Guinand ist voller Energie.'' "She is fantastic'' loben die Sänger ihre Dirigentin. Zeitgleich mit dem Chor probt in der Aula des College das Orchester. Stimm-, Gruppen- und Tuttiproben wechseln sich täglich ab 9.30 Uhr ab. "Aber spätestens um acht bläst und streicht es überall'', schmunzelt der künstlerische Leiter Helmuth Rilling. "Alle sind fantastische Instrumentalisten mit großer Klasse'' fasst der Geigendozent Marc Destrubé seine Eindrücke zusammen. Damit aus diesen Einzelkünstlern ein überzeugendes Ensemble wird, steht Rilling ein Team erfahrener Musiker zur Seite. Für jedes Instrument gibt es einen Dozenten, der im Lauf der Proben festlegt, wer welche Stimme spielt.

Bei den Bläsern sind Dozenten wie der Oboist Klaus Kärcher und der Trompeter Hannes Läubin ständig in den Proben neben oder hinter ihren Schützlingen, korrigieren, verbessern und helfen. Bei den Streichern sitzen die Dozenten bei ihren jungen Mitstreitern, helfen vom ersten Pult aus.

Ergebnis der intensiven Arbeit mit täglich mehr als sechs Stunden Orchesterprobe ist das "beste Orchester, in dem ich jemals gespielt habe''. Was die 22-jährige Geigerin Annelies Decock aus Antwerpen sagt, löst zustimmendes Kopfnicken aus. Der besondere Reiz dieses Projekts liegt in den Räumlichkeiten begründet. "Wir leben hier zusammen, haben engere Kontakte, als wenn wir in Stuttgart proben würden'', meint Rilling. Die ständige Gemeinsamkeit von Lehrenden und Lernenden provoziert zu Formulierungen wie "eine Familie'' und "unsere Sache''.

Trotz Wiesen, Obstbäumen, der Nähe zum Bodenseeufer und strahlendem Sonnenschein fällt den Musikern das Arbeiten leicht. "Alle Studenten haben großes Interesse'', meint Klaus Kärcher. Die vielen Wünsche nach Kammermusikproben, die als Ergänzung zum Tutti gedacht sind, lassen sich nur schwer realisieren. Da muss der Tagesplan minutiös ausgearbeitet sein, damit alle drankommen; die Gelegenheit, mit so prominenten Musikern im kleinen Kreis zu arbeiten, will sich kaum einer entgehen lassen.

Doch leise kommen auch kritische Töne auf: "Manchmal ist es schwierig mit den Studenten, die am Dirigierkurs teilnehmen'', meint ein Mitglied des Orchesters. "Da wird dann unterbrochen, Rilling korrigiert die Dirigentenschüler - dabei würden wir gerne einmal etwas durchspielen.'' Wie immer bei der Bachakademie steht auch in diesem Jahr die pädagogische Arbeit mit an vorderster Front. Acht junge Dirigenten aus Deutschland, England, Griechenland und Südamerika haben die Aufnahmeprüfung bestanden und dürfen unter Rillings Aufsicht mit dem Ensemble arbeiten. "Das ist zunächst einmal eine erschreckene Situation, gleichzeitig aber eine unschätzbare Erfahrung'', schildert Rilling die ersten Eindrücke seiner Schützlinge.

Befragt nach ihren Eindrücken von Deutschland und dem Projekt, waren alle Teilnehmer voll des Lobes. Und wenn die kanadische Sopranistin Meusha Brüggergosman meinte, Helmuth Rilling sei ein "amazing conductor'' und sie wolle im nächsten Jahr wiederkommen, sprach sie den meisten aus dem Herzen.

 

Markus Dippold
 
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