Stuttgarter Nachrichten 13.09.2001


Die Völker stehen zusammen

Berlin: Abschlusskonzert des Europäischen Musikfestes ehrt die Terror-Opfer in den USA

Der Rest ist Schweigen. Measha Brüggergosman hat ihr letztes "Libera me'' eben ausgehaucht, da hält die "Messa da Requiem'' von Giuseppe Verdi gleichsam inne. Ein Moment größter innerer Konzentration.

Helmuth Rilling, zum zweiten Mal im DaimlerChrysler Atrium zu Gast, lässt nicht nach getaner "Arbeit'' den Taktstock einfach sinken. Wie erstarrt in seiner letzten Bewegtheit, setzt jedes Leben für eine Ewigkeitssekunde aus - und alle, die jungen Musiker ebenso wie die imponierenden Choristen, die erfahrenen Solisten wie die unzähligen Zuhörer auf dem Areal am Potsdamer Platz teilen den Schmerz, der den Großteil der Welt nach den verheerenden Terroranschlägen in den USA erfasst.

Lange, lange braucht es, bis sich Festival Chor und Orchester des Europäischen Musikfestes wieder fassen, und ohne ein Wort des Dankes, ohne befremdlichen Beifall gehen am Ende alle Versammelten auseinander. Schließlich handelt es sich nicht um einen Abend wie jeder andere; aus gegebenem, aus "schrecklichem'' Anlass wird die Totenmesse zu einer Warnung vor jeder Art von Terror.

"Eigentlich geht es nicht'', dieses Abschlusskonzert des Europäischen Musikfestes der Internationalen Bachakademie Stuttgart in Berlin, wie DaimlerChrysler-Vorstandsmitglied Manfred Genz und Bachakademie-Leiter Helmuth Rilling vor der Veranstaltung das Auditorium wissen lassen - zumindest "nicht in der geplanten Form''.

Aber mehrere Gründe haben Gastgeber und Gäste bewogen, die "Messa da Requiem'' dennoch stattfinden zu lassen: Zunächst einmal die internationale Zusammensetzung des Ensembles, das vier Wochen lang in Salem und Stuttgart eine Völkerverständigung per musica praktiziert hat. Dann der Wunsch der engagierten Musiker, sich gerade zu diesem Zeitpunkt zu dem Werk zu bekennen. Wie überhaupt die Notwendigkeit, mit dem Konzert ein "Zeichen des gemeinsamen Empfindens'' zu setzen.

Manfred Genz: "Dass die Welt durcheinander gerät und der Frieden gestört wird - das ist genau das, was die Terroristen wollen, und das ist das, was wir nicht zulassen sollten.'' Oder wie Helmuth Rilling in seiner bewegten Ansprache die Absicht der konzertierten Aktion begründete: "Wir wollen für etwas anderes einstehen: für das Zusammenleben der Menschen, für die Versöhnung Geschlagener.''

Um dem Anlass gerecht zu werden, verkürzte Rilling beim anschließenden Ausnahmekonzert den ersten Teil des Dies Irae, und verzichtete gänzlich auf das "so fröhliche'' Sanctus. Stattdessen konzentrierte er sich auf eine Aufführung des Verdi-Requiems, die sich weniger in konzertkritische Kategorien fassen lässt - zumal nicht in den halligen Hallen des DaimlerChrysler Atriums im Renzo-Piano-Bau - sondern für zwei Stunden den Bekenntnischarakter wieder zurückgewinnt, der im Musikalltag allzu gern verloren geht. Auch wenn der "Rest'' nicht verschwiegen werden darf.

 

Hartmut Regitz
 
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