Stuttgarter Nachrichten 11.09.2001


Farbenkräftige Fülle und
spannungsgeladene Rhetorik

Mit der Wiedergabe von Verdis "Messa da Requiem'' beschließen Helmuth Rilling und seine Ensembles das Musikfest 2001

Die Partitur der Totenmesse Verdis hat Helmuth Rilling nicht nur im Kopf. Sie ist Gegenstand einer ziemlich leidenschaftlichen Beziehung zu dieser Musik, das Überdruckventil eines Bach-Apologeten sozusagen. Das reifere Stuttgarter Konzertvolk mag sich noch an den Beginn dieser Leidenschaft im November 1971 erinnern, als Rilling den Mut (und die Mittel) besaß, seine Kantoreien aus Stuttgart und Frankfurt, das Südwestfunk-Sinfonieorchester und Solisten vom Range einer Gundula Janowitz oder Christa Ludwig für eine Sternstunde der Verdi-Interpretation zu verpflichten.

30 Jahre danach hat sich zwar das Bild im Beethovensaal verändert, doch nicht das Anliegen des Dirigenten Rilling. Unverändert möchte er für Verdis "Messa da Requiem'' die Gerechtigkeitsstufe Nummer eins erreichen, was nichts anderes bedeutet als totale Hingabe auf höchstem Niveau. Ersteres zumindest hat er mit dem neu gegründeten Festival Chor und Orchester erreicht. Die 200 jungen Leute aus aller Welt haben in Salem und Stuttgart gelernt, wie man auch in der Musik die Phase jenseits physischer Grenzen erreichen kann. Der Chor reagiert hochdiszipliniert, überrascht durch die in kurzer Zeit erreichte Präzision und Textverständlichkeit und leuchtet in farbkräftiger Fülle. Mit ihm ist spannungsgeladene Rhetorik jederzeit zu verwirklichen.

Nicht minder hingabebereit und flexibel reagiert das Festivalorchester mit Konzertmeister Marc Destrubé an der Spitze. Streicher und Bläser nehmen Rillings leidenschaftlich bewegte Orientierung am Höchstmöglichen auf und realisieren das auf hohem Niveau. So bestätigte das Schlusskonzert des Europäischen Musikfests im ausverkauften Beethovensaal die Richtigkeit der neuen Gründung.

Rilling gehört auch bei Verdis Requiem nicht zu den Langsamen. Aber er überhitzt in der Sequenz keine einzige Strophe um einer Scharfmacherei willen, sondern findet Tempi, die Andacht und Würde zulassen. Er verschmäht die großen Effekte des "Dies Irae'' nicht, lässt das übermütige "Sanctus'' gar wie einen heiligen Sturm in den Saal schmettern, aber er zieht seine Begründung dafür aus dem Organismus des Werks. Durch die sorgfältige Tiefenwirkung der lyrischen Szenen erzielt er höchste Kontrastfülle. Vom nahezu tonlosen Beginn in einer bis an die Grenze der Stille ausgeloteten Pianissimo-Region schlägt er einen Lichtbogen der Hoffnung über das Geschehen. Jenseitigkeit schimmert in alle Passagen von Trauer und Angst und in die Bitte um Erlösung. Das Menschlich-Vokale hat Vorrang gegenüber sinfonischer Expression, wenn sich auch im "Salva me'' des Soloquartetts eine Zurücknahme des Orchesters zumindest für den Beethovensaal aufdrängt.

Die kanadische Sopranistin Measha Brüggergosman hatte Haar und Gewand einer Königin angelegt und war auch stimmlich die Königin dieses Abschlusskonzerts. Sie stand ihre gewaltige Partie mit jugendlichem Feuer, mit Empfindsamkeit und ekstatischem Glanz durch. Wie sie Spitzentöne instrumental ansetzt und dann ins Emotionale verbreitert, wie sie auf das zweigestrichene C hinaufstürmen oder sich sanft hinaufschwingen kann, das ist aller Bewunderung wert. Ihre Leistung wird man als Maßstab für künftige Requiem-Aufführungen im Ohr behalten.

Die Altistin Birgit Remmert beeindruckte durch ihre wunderbare Kraft zur Weltabgewandtheit und zum reinen Sich-Versenken. Stephen O'Mara brachte einen stabilen Tenor, der eine scharfe Differenzierung zwischen Bitte und Verkündigung nicht immer suchte, in die Aufführung ein. Vor allem im "Confutatis'' fand der Bass Michail Schelomianski zum dunkel-mystischen Ton der russischen Schule.

Am Ende des Abends erzitterte der Beethovensaal von Ovationen. Auf dem Podium und davor - die gesamte Bläserbesetzung war zu Beginn des Offertoriums gegen eine qualitativ ebenbürtige ausgewechselt worden - wogte ein Rosenmeer. Man spürte: Diese 200 jungen Musiker werden den Motivationsschub der Salemer und Stuttgarter Tage aufgreifen und weitertragen, und ihr Dank konzentrierte sich nach diesem atemlos erregenden Abend auf den unersetzlichen Maestro Rilling.

 

Erwin Schwarz
 
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