Stuttgarter Nachrichten 10.09.2001


Aufbruch

Das erste Musikfest der neuen Zeitrechnung gehört der Vergangenheit an. Es brachte neben neuem Wissen und vielen wunderbaren musikalischen Begegnungen für die Besucher den Machern der Bachakademie die neue Erfahrung, dass die Beziehungen zwischen einem Veranstalter und seinem Publikum ausgesprochen fragil sind. Es braucht Zeit, um neue Ideen in die Köpfe zu bringen.

Trotzdem war es für die Bachakademie eine Entscheidung von grundsätzlicher Bedeutung, das Konzept auf eine andere Schiene zu setzen, fortzuschreiben. Zu groß war die Gefahr, dass Themen und Konstellationen sich wiederholen, man zu sehr auf eine Epoche, einen Komponisten fixiert ist - was so, blickt man zurück, zwar nie der Fall gewesen ist, aber oft so wahrgenommen wurde. Auch künftig werden Bachs Werk und die Vermittlung von Inhalten die Arbeit der Bachakademie bestimmen. Daran ändert sich nichts.

Die neuen Themenstellungen aber, die im Wechsel einer Musiknation und einem Komponisten - 2002 Beethoven - gelten, sollen die Musikfeste für neue Erfahrungen öffnen und dadurch auch für andere, zusätzliche Publikumsschichten interessant machen; dass dies gelingen kann, hat das erstmals veranstaltete Mondschein-Kino bewiesen.

Wenn das Publikum schon im kommenden Jahr das modifizierte Angebot der Bachakademie verstärkt annehmen wird, so ist dies neben dem Thema Beethoven auch eine Folge der beglückenden Erfahrungen, die man mit dem von Helmuth Rilling gegründeten, erstmals bei einem Musikfest eingesetzten Ensemble Festival Chor und Orchester gemacht hat. Die Neugier auf dies Neue wird die Sehnsucht nach dem Alten verdrängen, in dem man sich so schön eingerichtet hat. Stehvermögen ist gefragt, nicht Katastrophenmanagement. Die leicht rückläufigen Besucherzahlen des Musikfests sind ein Schönheitsfehler, kein Beinbruch. Rilling und sein Team sind auf dem richtigen Weg.

 

Dieter Kölmel
 
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