Stuttgarter Nachrichten 08.09.2001


Rilling: "Beglückende Erfahrungen"

Die Bachakademie zieht die Bilanz des Musikfests und blickt nach vorn: 2002 und Beethoven

Noch nicht zu Ende, ist das Musikfest 2001 der Bachakademie doch schon Schnee von gestern. Zumindest in den Köpfen derjenigen, die sich nicht erst seit gestern mit der weiteren Zukunft des Festivals befassen.

In für Journalisten ungewohnter Umgebung, nämlich auf der Bühne des Beethovensaals, gaben Helmuth Rilling, Geschäftsführer Andreas Keller und Programmchef Christian Eisert Einblicke ins Konzept des Musikfests 2002. Mit dabei: Felix Fischer, Orchestermanager des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart. Und dieser Klangkörper, so Rilling, wird 2002 neben den Ensembles der Bachakademie eine zentrale Rolle spielen. Denn das Thema lautet "Beethoven''.

Mögen auch die Wörtchen "noch nie'' oder "erstmals'' im Vokabular der Bachakademie zur Zeit besonders oft auftauchen, damit die tatsächlichen Neuerungen von 2001 im übermächtigen Schlagschatten der vier Passionen von 2000 nicht untergehen, so ist das Vorhaben durchaus mutig zu nennen. Denn man will diesem Beethoven anders zu Leibe rücken, als dies sonst der Fall ist.

Das Konzept gründet auf drei Säulen: Da ist zum einen der Vokalbereich, dem die Bachakademie mit der Oper "Fidelio'' (konzertant unter Rilling) und der Missa solemnis Raum gibt; zweitens werden Stuttgarts Radio-Sinfoniker ihrem im Hinblick auf seine Beethoven-Einspielungen und -Interpretationen berühmten und gerühmten Chefdirigenten Roger Norrington alle neun Sinfonien des Wiener Meisters aus Bonn aufführen; die dritte Schiene gilt der Klavier- und Kammermusik sowie dem Lied.

Aus der Gegenüberstellung der unterschiedlichen Musizierstile verspricht sich Rilling "spannende Erfahrungen''. Während Sir Roger Beethoven auf der Basis der Klangerfahrungen von 1810 nahe bringen will, wird Rillings Beethoven ganz dem Heute verpflichtet sein. Die Ambivalenz von gestern und heute soll auch die Kammermusikreihe prägen, in der den späten Beethoven-Streichquartetten Quartette von Wolfgang Rihm gegenübergestellt werden. Eröffnet wird das Musikfest 2002 mit Bachs h-Moll-Messe (der Beethoven wichtige Erfahrungen verdankt). Als Finale ist die Rekonstruktion einer Akademie von 1824 geplant, in der Beethoven nur eigene Werke vorgestellt hatte.

Dem Ausblick ging eine kritische Bilanz des diejährigen Musikfests voran, bei dem die Bachakademie mit mehr oder weniger Erfolg neue Wege sowohl inhaltlich (Thema "Italien'') als auch personell (Festspiel Chor und Orchester) gegangen ist. Dabei nannte Rilling seine Erfahrungen mit dem neuen Ensemble "beglückend''. Das Projekt "ist ein Risiko für die Bachakademie gewesen; aber das Experiment ist gelungen''.

Die hinter den Erwartungen zurückbleibenden Besucherzahlen der ersten Woche haben in der Bachakademie, so Keller, "heftiges Nachdenken'' ausgelöst. Doch von der Richtigkeit und Stringenz des Konzepts ist man nach wie vor überzeugt. Vielleicht war der Sommer tatsächlich zu schön; vielleicht brauchen die Menschen wirklich Zeit, um sich an die jährliche Folge der Musikfeste und die andere Themenstellung zu gewöhnen. Dass am Ende an Stelle der erwarteten 42 000 Besucher "nur'' 36 000 gekommen sein werden, ist ein Schönheitsfehler, kein Beinbruch. Nach wie vor sind die Musikfeste der Bachakademie das, was sie immer sein wollten: "ein Festival in der Region und für die Region'' (Andreas Keller).

 

Dieter Kölmel
 
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