Stuttgarter Nachrichten 08.09.2001


Gegenüberstellung von Alt und Neu

Gesprächskonzert III zu Verdi

Nur einem Stück war es vorbehalten, von Helmuth Rilling gleich zweimal behandelt zu werden: dem "Libera me'' - diesmal aus der Messa da Requiem. Giuseppe Verdi hat den Satz bereits 1871 für die Missa per Rossini (siehe die Gesprächskonzert der vergangenen Woche) komponiert.

Mit dem "Libera me'', einem dramatischen Rezitativ des Solosoprans mit stammelnden Zwischenrufen des Chors, Ausdruck elementarer Angst, klingt auch das 1874 in Mailand uraufgeführte Requiem aus. Doch das frühe "Libera me'' ist nicht identisch mit der späteren Requiem-Fassung. Bei der Gegenüberstellung weist Helmuth Rilling darauf hin, dass ein von Mozart und Bach inspirierter Fugenteil voller harmonischer Spannungen nicht übernommen wurde.

Danach dirigiert ein israelischer Kursteilnehmer das Stück nach. Eine weitere Querverbindung: Das zentrale Solo "Requiem aeternam'' wird gleich zu Beginn der Messa da Requiem in den Bässen aufgegriffen. Und der berühmte "Dies irae''-Abschnitt, ebenfalls des "Libera me''? In der ersten Fassung hören wir eine fast aufgesetzt-dramatische Auslegung; in der Requiem-Fassung klingt derselbe Abschnitt geradezu niederschmetternd-eindringlich- mit den vier markanten Paukenschlägen.

Es geht recht sprunghaft zu in diesem allerletzten Gesprächskonzert. Auchdas Hantieren mit zwei Partituren gleichzeitig hilft oft nicht weiter. Einmal ist komplett: Das Klangbeispiel scheint nicht zu den Ausführungen Rillings zu passen. Macht nichts! Nächstes Beispiel: Verdi spart sich gewisse Effekte auf - etwa das hohe Sopran-C für den Schluss. Manches transponiert er auch - von a -Moll (erste Fassung) in die tieftraurige Tonart b-Moll. Die Eingriffe sind oft weniger grundsätzlicher Art, sondern beziehen sich auf wichtige Details, sollen die Klarheit der architektonischen Konstruktion unterstreichen.

Wie zuletzt 1996 (damals waren es Chor und Orchester der Internationalen Bachakademien) wirkte auch diesmal nicht die Gächinger Kantorei beim Verdi-Requiem mit, sondern der immer wieder mit großem Applaus bedachte Festival Chor und das Orchester des Europäischen Musikfestes 2001. Als Solisten mit von der Partie waren Susan Platts (Alt), Hernan Iturralde (Bass) - nicht zu vergessen der Publikumsliebling Measha Brüggergosman mit ihrem kontrollierten Riesensopran.

 

Helmuth Fiedler
 
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