Stuttgarter Nachrichten 03.09.2001


Ein hochmotiviertes Ensemble...

...steht unter Strom. Begeisternde Aufführung der "Messa per Rossini'' durch Rilling und sein Festival Chor und Orchester beim Musikfest

Nun hat der Funke gezündet. Das Europäische Musikfest ist in Stuttgart angekommen. Nach einer beeindruckenden Aufführung der "Messa per Rossini'' wurden Helmuth Rilling, das veritable Solistenquintett, vor allem aber dieses begeisterungsfähige Ensemble junger Sänger und Instrumentalisten aus aller Welt im sehr gut besuchten Beethovensaal vom Publikum gefeiert.

Auch in diesem Jahr setzt die Bachakademie also Maßstäbe, auch wenn die im Vergleich zum Jahr 2000 mit den vier Passionsuraufführungen weniger spektakulär scheinen. Doch auch das hat es bei aller Euphorie für Jugendorchester noch nie gegeben: dass ein Festival in einem beispiellosen Auswahlverfahren rund um den Globus seine Kollektive unter jungen Menschen selbst aussucht. Mühe und Aufwand haben sich gelohnt.

Als Festival Chor und Orchester des Europäischen Musikfests ist dieses Ensemble jetzt erstmals in Erscheinung getreten; und es verblüfft, wie diese jungen Künstler aus vieler Herren Länder binnen kürzester Zeit zu einem erstaunlich homogenen, intensiv gestaltenden Klangkörper zusammengefunden haben. Nicht zuletzt auch ein Zeichen für das Können und die Autorität von Helmuth Rilling und den ihm beim Zusammenschweißen der Truppe behilflichen Dozentenkollegen im Instrumentalbereich sowie von Maria Guinand, die aus gut 80 Kehlen einen Chor der Sonderklasse formte.

Was den jungen Sängern noch an Erfahrung fehlt, das machen sie durch Begeisterungsfähigkeit, hellwache Präsenz und Präzision sowie junge, unverbrauchte Stimmen wett. Und auch das Orchester reagiert sensibel und klangschön auf jede Handbewegung Rillings, als sei man schon seit Jahren ein eingespieltes Team. Wie unter Strom sitzen die Streicher auf den Stuhlkanten; silbern-stählern der Ton. Da geht der Himmel auf. Reizvoll timbriert das Holz, satt samten das Blech. Ein Kollektiv auf einem Atem.

Schon einmal hat Helmuth Rilling das in seinen 13 Teilen von der Qualität her stark auseinander driftende Stück zum Ereignis gemacht - bei der Uraufführung 1988. Dass die dazwischen liegende Zeit auch bei dem Dirigenten einen (unbewussten) Reifeprozess förderte, wurde diesmal auch vor dem Hintergrund der vorangegangenen Gesprächskonzerte deutlich. Der Meister hat einen anderen Zugriff als seine Adepten.

Es ist Rillings souveräne Art im Umgang mit dem Material, die gerade den schwächeren Teilen aufhilft: dem auch 1868 noch Mozarts Requiem schwächlich nachempfindenden "Dies Irae'' Antonio Bazzinis oder dem banalen "Quid sum miser'' Antonio Cagnonis, das Verdis "Rigoletto'' (dritter Akt) atmosphärisch imitiert. Handfeste Opernszenen sind da aneinander gereiht, mehr oder minder einfallsreich in Melodiefindung und Harmonik. Die Herren mühen sich, dramatisch aufzutrumpfen und zu zeigen, was sie können. Ein eitles Schaulaufen der Möchtegerne. Und wo Einheit ohnedies nicht vorhanden, können auch ein Pausenhäppchen, ein Schluck Sekt auf dem Weg vom Tal der Tränen zum Weltgericht nicht schaden.

Die Brillanz und Akkuratesse dieses Musizierens macht die vielen Oberflächlichkeiten der Kompositionen fast vergessen. Man lässt sich gerne berauschen vom süffigen Schmelz der Kantilene, die Alessandro Nini dem Tenor im "Ingemisco'' in die Kehle legt (etwas theatralisch und sich um die Spitzentöne mogelnd: James Wagner, der letzte "überlebende'' Solist von 1988); dann wieder überrascht das raffiniert folkloristische "Lacrimosa'' Carlo Coccias, das mit einer veritablen "Amen''-Fuge schließt. Sie alle steckt Verdi mit dem "Libera me'' in die Tasche. Abgründe der Verdammnis tun sich da auf, aber auch himmlischer Sphärenglanz.

An italienischem Brio und Belcanto mangelt es dem gut auf einander abgestimmten Solistenquintett nicht: der souverän phrasierenden Karine Babayanjan (Sopran), der sonoren Altistin Lioba Braun, dem klug gestaltenden Bariton Mikail Babayanjan, dem profunden Bassisten Michael Schelomianski und eben dem erwähnten James Wagner.

 

Dieter Kölmel
 
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