Stuttgarter Nachrichten 31.08.2001


Farbige Girlanden für den toten Maestro

Rillings zweites Gesprächskonzert zur "Messa per Rossini'' im Beethovensaal: "Dies Irae''

Es gab keinen Blitzstrahl freudiger Erkenntnis für die Musikwelt, als Helmuth Rilling im September 1988 die verschollen geglaubte "Messa per Rossini'' uraufführte. Man rühmte die Tat und verwies auf das Wort des Initiators Verdi: Einmal aufführen und dann ewig unter Verschluss halten.

Helmuth Rilling hat sich nicht an diese Maxime gehalten. Wieder arbeiten Hundertschaften junger Choristen und Instrumentalisten an dem Gemeinschaftswerk italienischer Komponisten, und diese zweite Auferstehung erst macht die Bedeutung der Messa klar: Es gibt kein vergleichbares Zeugnis vom Stand oder Zustand der italienischen Kirchenmusik in der Mitte des 19. Jahrhunderts als ebendieses stilistische Mauerwerk.

Beim zweiten Durchgang lässt Rilling in seinen Gesprächskonzerten auch spüren, dass ihn im Nachhinein das Schicksal wackerer italienischer Tonsetzer geradezu amüsiert. Wer damals nämlich in Italien auf der Opernbühne keinen mobilisierenden Erfolg hatte, sah sich abberufen in die Kirchenmusik. Da aber machte er wieder Oper im Kleinen, nur mit etwas mehr Weihrauch.

Das "Dies Irae'', aufgeteilt unter sieben Komponisten, war Gegenstand des zweiten Gesprächskonzerts im gut besuchten Beethovensaal. Nun galt es für Rilling, das Ensemble Festival Chor und Orchester sowie ein Solistenquintett, sieben Kurzopern aneinander zu reihen und deren Italianità profiliert zu unterscheiden. Da gab es also Bazzinis fast dämonisches Temperament umzusetzen, Pedrottis Gespenstertreiben im "Tuba mirum'', die Gerichtsszene "Quid sum miser'' von Cagnoni und das brüderliche Gemeinschaftswerk der Herren Ricci.

Mit Seufzen und Schmelzen und Klängen, die von Andrew Webber sein könnten, nähert sich Alessandro Nini dem Ausspielen seines Haupttrumpfes, einer Bravourarie für Tenor, die in der Opernliteratur ihresgleichen sucht und von Felipe Rojar Velozo einfach hinreißend gesungen wurde.

Das "Confutatis'' schließlich geriet Raimondo Boucheron zum Funerale grande, ehe der weit über 80-jährige Carlo Coccia dem "Lacrimosa'' ein berühmtes neapolitanisches Volkslied für Männerchor a cappella überstülpte. Farbiger konnten die Girlanden für den toten Maestro Rossini nicht gespannt werden.

Allen Lobes wert war die klangliche Qualität und die Exaktheit des Mitgehens beim Festival Ensemble. Rilling hätte die Partitur in ein paar dutzend Stücke zerreißen können, und immer noch wäre der junge, begeisterungsfähige Chor und das von Konzertmeister Marc Destrubé angeführte Orchester prompt zur Stelle gewesen.

Rillings königliches Gefolge, sieben bereits praxiserfahrene Studierende seines Dirigier-Meisterkurses, hatten nacheinander und teilweise auswendig die abschließende Gesamtaufführung in sicheren Händen. Balsam für die Ohren schenkten die Solisten Measha Brüggergosman, Barbara Osterloh, Mikael Babajanyan und Michail Schelomianski.

 

Erwin Schwarz
 
top