Stuttgarter Nachrichten 29.08.2001


Ferienglück zum Trinidad-Calypso

Maria Guinand und der Festival Chor

Von wegen nur italienische Musik: In der zweiten Konzerthälfte war Maria Guinand, die bereits beim Musikfest 2000 kaum weniger mitreißend die Uraufführung der Markus-Passion von Osvaldo Golijov dirigierte, ganz auf heimatliche Latino-Klänge und folkloristische Vokalmalerei eingestellt.

85 Sängerinnen und Sänger des Festival Chores aus 20 Ländern wiegten sich in den Tango- und Salsa-Rhythmen solcher Ohrwürmer wie "La muerta del Angel'' nach Astor Piazzola oder "Oiga Compae'' von CÚsar A. Corilla, dessen Mittelteil obendrein mit einer veritablen klassischen Fuge aufwartet, bis im finalen Trinidad-Calypso zwei zunächst inmitten des begeisterten Publikums im Mozartsaal platzierte Solosänger im Hawaii-Hemd für die rechte karibisch-ausgelassene Ferienstimmung sorgten: "Wenn du froh sein und wie ein König leben willst, heirate eine Frau, die hässlicher ist als du!''

Unerhört schwierig zu singen, freilich auf völlig andere, traditionelle Weise, war bereits die erste Programmhälfte. "Ave Maria'' und "Laudi alla Vergine Maria'' aus den späten "Quattro Pezzi Sacri'' von Verdi sind diffizile Chorsätze ohne Orchesterbegleitung. Das eine mit seinen gefürchteten Intonationsschwierigkeiten, an denen die Pariser Uraufführung scheiterte, verlangt einen wohl trainierten Kammerchor, das anderen einen hochkarätigen Frauenchor.

Der von Maria Guinand im International College Salem am Bodensee vorbereitete Festival Chor hat in kurzer Zeit ein unerhört hohes Niveau erreicht, singt in vielerlei Formationen mit einer Hingabe und rhythmisch-dynamischen Flexibilität sondergleichen. Die Tücken des "Ave Maria'' wie auch der noch heikleren "Tre Composizione Corali'' von Pizzetti nebst den Dallapiccola-Chören wurde souverän - Schärfen in den Sopranen eingeschlossen - gemeistert.

Wobei die in Venezuela geborene Dirigentin diese einst vom legendären Stockholmer Kammerchor unter Eric Ericson zu unerreichter Perfektion getrimmten Stücke keineswegs als Paradebeispiel vokaler Artistik vorführte, sondern als seraphisch-schöne Ausdrucksmusik.

 

Helmuth Fiedler
 
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