Stuttgarter Nachrichten 27.08.2001


Wortwechsel mit Verdi

Helmuth Rillings Gesprächskonzerte zu den beiden Hauptwerken des Musikfests

Selbst wenn ihn ein widriges Schicksal auf den Platz der Gaukler in Marrakesch verschlagen würde, hätte Helmuth Rilling alsbald eine Schar staunender Marokkaner um sich, denen er erklären würde, wie Bach in einem Chorsatz die Bässe in die Wüste und die Soprane in den Himmel schickt.

Die weite Reise ist nicht vonnöten, denn jedes Jahr gibt es einen Hauch von Marrakesch im Beethovensaal, wo das Publikum Rillings Fähigkeit bewundert, sein unfehlbares fotografisch-dynamisches Gedächtnis in perfekte Werkanalysen und launige Musikerzählungen einzubringen, wobei er vor kühnen Argumentationen beim Gedankenlesen in den Partituren nicht zurückschreckt, aber nie, ohne einen Hauch von Bewunderung für das Werk zu verlieren. Sechs dieser Gesprächskonzerte wird es beim Musikfest geben, in Dreierblöcken verteilt auf die beiden Hauptwerke, die "Messa per Rossini'' und Verdis "Messa da Requiem'' (jeweils Dienstag bis Donnerstag um 18 Uhr im Beethovensaal). Am Wochenende folgt dann die Gesamtaufführung des besprochenen Werkes. Das neue Ensemble Festival Chor und Orchester steht für alle Konzerte zur Verfügung, Stipendiaten der Dirigierkurse erhalten ihre Auftrittschance, so dass der Beethovensaal vom Schwung der Jugend förmlich erzittern wird.

Auf Rillings wertende Analyse der Gemeinschaftskomposition "Messa per Rossini'' darf man gespannt sein, denn was die zwölf Zeitgenossen Verdis für ihren verstorbenen Landsmann Rossini als musikalischen Nachruf komponiert haben, macht den heutigen Hörer zeitweise etwas verlegen. Wenn Rilling aber Verdis Requiem angeht, werden alte Erinnerungen an eine gestalterische Großtat wach, damals vor ziemlich genau 30 Jahren, als er mit Gundula Janowitz und Christa Ludwig in der Sopran- und Altpartie und dem Sinfonieorchester des Südwestfunks aufräumte mit den bis dahin möglichen Schlampereien bei Vereinsaufführungen. Die Bachakademie bietet Interessenten ein kleines Abonnement mit drei Gesprächskonzerten und der Gesamtaufführung beider Totenmessen zum Preis von 90 bis 150 Mark an. Die Vokalsolisten der Gesamtaufführung wirken auch bei den Gesprächskonzerten mit.

 

Erwin Schwarz
 
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