Kölner Stadt-Anzeiger 10.09.2001


Von Verdis Requiem ergriffen

In Bonns Beethovenhalle gelang unter Helmuth Rilling eine große Aufführung.

Vor dem Bonner Beethovenfest erinnerte man mit einer Aufführung des „Requiems“ an Giuseppe Verdis Tod vor 100 Jahren. Das international besetzte Ensemble des Europäischen Musikfests Stuttgart mit rund 200 jungen Chorstimmen und Instrumentalisten hat Helmuth Rilling Anfang des Jahres um sich geschart. So gelang ein blendender, in allen Ausdrucks- und Dynamikbereichen abgerundeter und differenzierter Chorklang, und die dramatischen Pointierungen des „Dies irae“ wurden so effektvoll ausgestaltet. Ebenso glückte mit großer Einfühlsamkeit die gebethafte Verinnerlichung in Passagen wie dem „Agnus Dei“.

Dem imposanten Klangkörper stand ein Orchester gegenüber, das die theatralischen Momente der Partitur umzusetzen hatte: ob dabei die große Trommel im ersten Absatz der immer wiederkehrenden Sequenz vom Jüngsten Gericht auf Geheiß des Dirigenten oder auf Antrieb des Spielers so gewaltig aus dem Rahmen fallen musste, steht dahin. Jedenfalls war der illustrative Nachdruck so beachtlich wie das illustre Spiel des Orchesters, das sich als ein präzise und nuanciert reagierendes Instrument in Rillings Händen erwies.

Wogen des Orchesters

Dabei wunderte man sich, dass der als exzellenter Chorfachmann geschätzte Dirigent stellenweise seine Musiker derart in den Vordergrund treten ließ: Der Chor schien von den Wogen der Streicher und vor allem der Bläser geradezu verschluckt zu werden.

Die einzige Stimme, die sich auch noch auf den Höhepunkten solcher lautstarken Prachtentfaltung strahlend über das Geschehen erheben konnte, war die der kanadischen Sopranistin Masha Brüggergosman, deren eminante lyrische Qualitäten nicht weniger Bewunderung verdienen. Ihr gegenüber nahm sich die Altistin Birgit Remmert, die im „Liber scriptus“ auch in der Höhe Intonationsprobleme hatte, nicht eben als doe berufene Verdi-Sängerin aus. Stephen O'Mara (Tenor) und Michail Schelomianski (Bass) belebten ihre Partien mit Verve und angemessener Expressivität.

Wie ergriffen das Publikum in der Bonner Beethovenhalle war, hätte sich kaum deutlicher zeigen können als in der minutenlangen absoluten Stille vor dem frenetischen Schlussapplaus.

 

Hans Elmar Bach
 
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