Generalanzeiger Bonn 10.09.2001


Die Posaunen des Jüngsten Gerichts

Festivalensemble des Europäischen Musikfests Stuttgart beeindruckt beim zweiten Auftaktkonzert des Bonner Beethovenfests unter Helmuth Rillings Leitung mit einer Aufführung von Verdis "Requiem"

Wenn das "Tuba mirum" aus Verdis "Requiem" erklingt, kann einem schon die Furcht vorm Jüngsten Gericht in die Knochen fahren. Aus allen Richtungen schallt das Blech mit drohender Gebärde, der massiv besetzte Chor und das Orchester peitschen gleichsam auf die Ohren der Hörer ein. Wirkungsvoll ist das freilich nur, wenn der immense Klangapparat, den der Komponist hier auffahren lässt, mit größter Präzision vorgeht, wenn das Chaos sozusagen in geordneten Bahnen hereinbricht. In der Beethovenhalle war dies beim zweiten Auftaktkonzert des Beethovenfests der Fall. Was um so erstaunlicher ist, als die gut 200 jungen Sänger und Musiker des Festivalensembles des Europäischen Musikfestes Stuttgart sich erst im August kennen gelernt haben.

Der Gründer des Ensembles, Helmuth Rilling, hatte die Nachwuchsmusiker aus 22 Ländern ausgewählt, und in Bonn stellte er sich nun als Chor- und Orchestererzieher vor, der wahre Wunder zu vollbringen vermag. Mit klaren Gesten führte Rilling durch die Partitur, wobei er keine Sekunde vergessen machte, dass der als Bach-Experte ausgewiesene Dirigent diesmal Noten von Verdi auf dem Pult liegen hatte: Die Musik kam glutvoll herüber, füllte das riesige emotionale Spektrum aus, das zwischen Angst, Schrecken und überirdischer Zuversicht liegt.

Bevor die Posaunen des "Dies irae" erstmals erklingen, gibt sich die Musik versöhnlich. Das "Requiem aeternam" des Anfangs trägt Züge von friedvollem Abschied und Verklärung, die von Chor und Streicher des Ensembles klangschön und zutiefst bewegend intoniert wurden: So könnte ein Werk auch leise verklingen. Bei Verdi ist es freilich nur Vorspiel zur beinahe 40-minütigen "Dies irae"-Sequenz, für den Opernkomponisten eine wahre Fundgrube: Hier konnte Verdi unterschiedlichste Affekte losgelöst von den dramaturgischen Zwängen einer Opernhandlung darstellen.

Rilling hatte dafür neben seinem Nachwuchsensemble ein ausgezeichnetes Solistenquartett zur Verfügung. Der Russe Michail Schelomanski beeindruckte durch den sonoren, Ehrfurcht gebietenden Klang eines Sarastro-Basses. Die Tenorpartie war mit dem Amerikaner Stephen O`Mara ebenfalls ganz vorzüglich besetzt, zumal für den "Ingemisco"-Abschnitt, der weniger tenorale Kraftmeierei verlangt als vielmehr eine entschieden lyrische sängerische Qualität. Mit Birgit Remmert stand eine erfahrene Altistin auf dem Podium, die das solistische "Liber scriptus" ergreifend gestaltete. Und auch im seltsam archaisch anmutenden Duett des "Agnus Dei" mit der Sopranistin Einfühlungsvermögen zeigte.

Für die erkrankte Sopranistin Karine Babajanyan war die junge schwarze Kanadierin Measha Brüggergosman eingesprungen, die vor allem im letzten, von Verdi zuerst komponierten "Libera me" eine großartige Leistung vollbrachte. Ihre Stimme ist in der Höhe von großer Reinheit, in der Mittellage besitzt sie Präsenz, und in der Tiefe glaubt man eher einen Mezzosopran zu hören, was der emotionalen Intensität dieser Partie durchaus entgegenkommt.

In der nahezu ausgebuchten Beethovenhalle herrschte nach dem letzten, leisen Akkord viele Sekunden lang absolute Stille, bis das Publikum seiner Begeisterung endlich in Ovationen Luft machte.

 

Bernhard Hartmann
 
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