Esslinger Zeitung 03.09.2001


Oper für den Maestro im Bischofsgewand

Geisterbeschwörung und südländischer Schmelz:
Gesamtaufführung der " Messa per Rossini" durch Helmuth Rilling

Gäbe es zur "Messa per Rossini" eine Karikatur, so müsste sie Verdi als Lokomotive vor einem kleinen Zug zeigen, aus dessen zwölf Wagen jeweils ein italienischer Komponist herauswinkt. In Töne gesetzt, hat das Publikum des Europäischen Musikfests diese Musikparade nach dreizehn Jahren wieder an sich vorüberziehen lassen, schärfer hingehört als beim ersten Mal und neue Delikatessen wahrgenommen, aber sich auch im Verlauf des Abends ein wenig gelangweilt.

Das 1868/69 entstandene Gemeinschaftswerk zum Gedenken an den verstorbenen Maestro Rossini leidet an der Abwesenheit einer zwingenden inneren Dynamik. Auf zwölf Kleinmeister und den Großmeister Verdi verteilt, erbringt diese Totenmesse zwar einen originellen Querschnitt durch die uns allen ziemlich unbekannte Kirchenmusik des 19. Jahrhunderts in Italien. Aber die herzbewegende Gewalt, die sich im abschließenden "Libera me" von Verdi einstellt und zum Ausgangspunkt seiner "Messa da Requiem" geworden ist, fehlt dem Ganzen. Dass man dieses musikhistorisch aufschlussreiche Werk im Stuttgarter Beethoven-Saal, dem Ort seiner Uraufführung, noch einmal hören konnte, verdankt man allein Helmuth Rilling und seiner Hausmacht, der Internationalen Bachakademie mit ihren großmütigen Sponsoren. Natürlich bedurfte es gewaltiger finanzieller Mittel, um die Gründeridee des "Festival Chors und Orchesters" mit mehr als zweihundert jungen Choristen und Instrumentalisten aus aller Welt wahrzumachen. Nun füllten sie das Podium und die Chorempore des Beethoven-Saals bis in die fernsten Ecken, und schon vor dem ersten Ton drang ein Schwall von Leistungsbereitschaft ins Parkett. Auch Helmuth Rilling führte das Aufgebot mit offensichtlich hohem Adrenalinspiegel durch Graus und Zagen der ersten Teile, durch Gespensterbeschwörung und südländischen Schmelz, durch große Operngesten in Serie bis an das rettende Ufer Verdis. Massiver im Klang, deftiger in der dynamischen Wellenbewegung, ausladender in den Forteszenen fiel dieses Mal die Gesamtaufführung aus, der drei Verständnis heischende Gesprächskonzerte vorausgegangen waren. Vielleicht machte auch der von Jugendkraft strotzende Klang des Festival Ensembles den weltlichen Grundton der "Messa per Rossini" deutlicher. Man hörte eine Oper im Bischofsgewande mit besinnlichem Ausklang. Zwei oder drei Vertonungen näherten sich dem Anliegen einer Totenmesse, darunter das von innerer Ruhe erfüllte "Agnus Dei" von Lauro Rossi. Von höchstem Interesse für alle Kenner war es, Verdis "Libera me" als Keimzelle des späteren Requiems zu hören und ermessen zu können, welche hochsensiblen Veränderungen Verdi im zweiten Anlauf vorgenommen hat.

Chor und Orchester hatten jenen Stand von Homogenität und Leichtkraft erreicht, der nach zwei Wochen intensiver Schulung Vergleiche mit langjährig zusammengewachsenen Ensembles zuließ, ohne die Gächinger Kantorei und das Bach Collegium vergessen zu machen. Im Solistenquintett war der Tenor James Wagner als einziger schon bei der Uraufführung 1988 zugange, und wieder legte er beifallheischend etwas zu viel Opernöl auf seine Stimmbänder. Über anfänglich zu grelle Tremolostrecken erreichte die Sopranistin Karine Babajanyan schließlich das ewige Licht mit Verdis hohem C, die Altistin Lioba Braun füllte die Aufgaben ihres Parts mit ruhiger Kraft. Aus den vorangegangenen Gesprächskonzerten schon durch sehr seriöse Beiträge bekannt waren Mikael Babajanyans Grafenbariton und der streng geführte Bass von Michail Schelomianski. Nach der ersten Musikfestwoche endlich vor vollem Haus dirigierend, wurde Rilling vom Publikum wie vom Festival Ensemble mit dankbarem Beifall überschüttet.

 

Erwin Schwarz
 
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