Berliner Morgenpost 14.09.2001


Voller Inbrunst

Verdis Requiem: Nach «Libera me» erhoben sich alle still von den Plätzen

«Libera me» - Rette mich: Eine unerschütterliche Kraft lag in den letzten zwei Worten. Ein Moment, den man nie vergessen wird, der Musiker und Publikum zusammenschweißt. Unmöglich danach zu klatschen. Jeder hatte die entsetzlichen Bilder aus Amerika vor Augen. Den unzähligen Opfern galt dieses Verdi-Requiem im DaimlerChrysler Atrium.

Dirigent Helmuth Rilling und die 200 jungen Musiker des Europäischen Musikfestes hatten das Oratorium um einiges gekürzt. Unheimlich klangen die kaum hörbaren Einsätze des «Requiem aeternam». Die gewaltigen Fortissimoklänge des «Dies Irae» dröhnten gewaltig, und in «Tag der Rache, Tag der Sünden» erzitterte die gläserne Decke unter den Paukenschlägen. Auch bei den Solisten erwuchs jeder Ton aus tiefster Inbrunst. «Doch aus Gnade lass geschehn, dass ich ruhig der Höll' entgehn»: Stephen O'Maras sang so eindringlich und zugleich so brüchig, als wolle er den Belcanto selbst in Frage stellen. Der Tenor war einer von 20 Musikern aus den USA, die sich an diesem Konzert aktiv beteiligt hatten.

Musik als Therapie: Lioba Braun (Alt) und Michail Schelomianski (Bass) schienen stets ihren eigenen Worten nachzulauschen, als gelte es, ihren Sinn zu begreifen. In der Sopranistin Measha Brügger-Gosman hatte das internationale Ensemble einen farbigen Engel, dessen strahlend-helle Spitzentöne wie aus dem Nirwana wirkten.

«Libera me» - Rette mich: Danach erhoben sich alle still von ihren Plätzen.

 

KL
 
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